Nachruf
an unseren verstorbenen Freund
Martin Bester
Ich kannte Martin nur etwa ein halbes Jahr. Doch ich liebte ihn wie einen Bruder. Seit unseren ersten Mails war zwischen uns ein tiefes Verstehen. Ich habe um ihn geweint, wie ich noch nie um einen Menschen geweint habe und um sehr wenige je weinen werde. Dieses Gedicht widme ich dem Andenken an seinen Lebenswillen und seine Lebensfreude. Ni'Kar So spricht das Leben: Streitlied zwischen Leben und Tod |
Geschichte über einen Baum Ich möchte euch gerne einen Geschichte über einen Baum erzählen. Dieser Baum wächst in einer anderen virtuellen Welt als der von Ultima Online - in einem der unzähligen Text-MUDs, die es im Internet gibt. Er wächst im Garten der Erinnerung und der Boden um den Baum ist übersät mit Blumen und Pralinenschachteln und Zetteln mit herzergreifenden Gedichten darauf. Und es gibt dort auch ein Schild - "In Erinnerung an K/aryn" steht darauf. Die Geschichte, die ich euch erzählen will, ist die Geschichte dieses Schildes und dieser Person - jemand den ich nie getroffen habe. Karyn loggte schon vor etwas längerer Zeit das erste Mal in diese virtuelle Welt ein. Sie kam aus Norwegen. Sie kam immer wieder, brachte Freunde mit - einige davon sprachen nur wenig Englisch, aber für diejenigen machte sie den Dolmetscher. Sie fand Freunde. Zufällig hatte sie auch eine Webseite über diese virtuelle Welt und hat darauf Bilder von sich selbst veröffentlicht, wo alle sehen konnten, daß sie ein süßes Lächeln hatte. Als ihre Verbindung zu der Welt wuchs, rief sie eine Gilde ins Leben. Sie nannte die Gilde "The Norse Traders" und mit viel Arbeit wurde daraus eine der berühmtesten und bekanntesten Gilden in dem Spiel. Es war eine Gilde von Händlern, die auch zusammen Abenteuer erlebten und schon bald waren die Beteiligten alle gute Freunde. Im März diesen Jahres fiel einigen der Freunde auf, daß Karyn schon eine Weile nicht mehr dagewesen war. Ihr wißt, wie das in der Online-Welt ist - die Leute gehen nicht, sie vergessen schlicht sich zu melden, in der Regel; und man weiß nicht, was mit ihnen passiert ist. In diesem Fall gab es ja aber eine Webseite, die man besuchen konnte. Also suchten einige Leute nach Karyn und ihrem Verbleib. Einen Tag darauf wurde über Foren und Emails und schließlich auch über die Willkommens-Nachricht auf der Webseite, wenn man sich dort einloggte, bekannt: Karyn war tot. Sie starb an den Folgen eines Unfalls mit ihrem neuen Auto, das sie probegefahren war. Und das Ganze geschah zwei Monate zuvor, im Januar; und keiner von uns wußte es. Ihre Eltern wußten, daß sie Freunde im Internet hatte - sie wußten nicht so richtig, was sie online machte oder wer diese Freunde waren aber sie wußten, daß dort draußen Menschen waren, die vielleicht wissen wollten, was geschehen war. Es dauerte seine Zeit, bis sie herausgefunden hatten, wo ihre Webseite war und wie man darauf eine Nachricht veröffentlicht. Sie schafften es aber und sie fügten norwegische Nachrichtenartikel über den Autounfall bei. Die Verbreitung der Meldung in der virtuellen Welt war rasant. Leute, die sich monatelang nicht eingeloggt hatten, bekamen die Nachricht über Newsletter. Es wurde eine Beerdigung organisiert. Und schließlich, wurde ein Garten der Erinnerung erstellt und ein Baum in Erinnerung an Karyn gepflanzt. Spieler pilgerten zu dem Garten, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Der Code des MUD wurde geändert, damit Dinge, die in diesem Garten hinterlassen wurden, permanente Teile der Welt wurden. Allerdings konnten bei all den Events die Leute ihr Mitgefühl, für jemanden, den sie niemals gesehen oder getroffen hatten, nicht richtig begreifen. Sie konnten den tiefen schmerzlichen Verlust eines anderen, mit dem sie "nur ein Spiel spielten", nicht verstehen. Wenn sie versuchten, den Verlust zu beschreiben, mußten sie sagen "Ich habe mit ihr mal eine Gruppe zusammengestellt und wir sind in einen Dungeon gegangen.". Sie konnten das Gefühl, daß ein Mitglied ihres Umfeldes gegangen war, nicht richtig ausdrücken. Nun wußten sie auch, wieso die Norse Traders seit Januar irgendwie auseinandergefallen waren. Weil Karyn, als das Zentrum des Ganzen, nicht da gewesen war. Es wurde ihnen klar, daß die komische Beklemmung, die sie fühlten, als sie mit einem Lag von zwei Monaten von ihrem Tod erfuhren, bereits dort ihren Anfang fand, als sie sich nicht mehr einloggte - nicht erst, als sie die Nachricht schließlich erreichte. Letztlich steht der Baum nun nicht nur als Denkmal für eine liebgewonnene und oft vermisste Person, sondern als ein Ausdruck eines Augenblickes, des Augenblickes, in dem die Spieler eines Online Spieles erkannten, daß sie kein "Spiel spielten". Der Augenblick, in dem sie erkannten, daß die sozialen Bande, die sie in dem "Spiel" knüpften, real waren. Es gibt ein Kinderbuch, "The Velveteen Rabbit", über einen Plüschhasen, der sich so sehr wünscht real zu werden. Und am Ende macht die Liebe eines Jungen, dessen Spielzeug der Hase ist, dies wahr. Die sozialen Bindungen der Leute in einer virtuellen Umgebung machen daraus mehr als nur ein Spiel. Sie lassen sie real werden. Manchmal braucht es dafür erst einen Moment der Bestürzung, um die Leute dies erkennen zu lassen und maches Mal kommen die Leute mit der Zeit selbst darauf aber die grundlegende Tatsache bleibt gleich: wenn wir Freundschaften schließen, jemanden verletzen, Verlust erfahren oder etwas in einer Onlinewelt erschaffen, dann ist das real. Es ist nicht "nur ein Spiel". Ultima Online wurde mit einer einfachen Philosophie gemacht: daß wir eine Onlinewelt bereitstellen, eine die leben und atmen kann und neue und unvorhersehbare Wege geht. Wir wollten den Spielern die Möglichkeit geben, Online-Gemeinschaften aufzubauen, in einer Art, wie es sie vorher noch keine andere Onlinewelt ermöglicht hat. Es ist überraschend und erfüllt mit Stolz, einige der Ergebnisse heute zu sehen: freiwillige Polizeikräfte, Rollenspieler-Tavernen, Mini-Olympiaden und -Verwaltungen. Und ja, leider auch einige Beerdigungen wurden abgehalten, da es in jeder Gemeinschaft dieser Größe auch Verluste zu beklagen gibt. Was wir niemals aus den Augen verlieren sollten ist, daß wir, mit der Teilnahme an dieser neuen Art der Gemeinschaft, Neuland betreten, was ohne Zweifel innerhalb der nächsten Dekade, in der das Internet immer wichtiger wird für die Geschäftswelt, Ausbildung und Unterhaltung und andere Gebiete, außerhalb des Spielens, sehr wichtig sein wird. Die Probleme, mit denen die Spieler von UO täglich kämpfen - wie das Reputation System funktionieren solle, was man gegen Nötigung tun kann, usw. - sind die Schlüsselprobleme der virtuellen Realität für die nächsten paar Jahre. Und wir können diese Probleme nur angehen, weil ihr, die Bewohner Britannias, mehr als nur Spieler seid - ihr seid eine selbstständige Gemeinschaft, die über das Spiel hinaus in die Realität geht. Mir kann niemand erzählen, daß der Garten der Erinnerung nicht real ist oder das die Bestürzung, die wir alle über Karyn's Tod empfanden nicht real ist. Und ich hoffe, daß UO Spieler sich von niemandem einreden lassen, daß ihre Erfahrungen innerhalb von UO nicht real sein sollten, daß dies "nur ein Spiel" sei. Das mag für einige Leute so sein - aber wir wissen es alle besser, oder nicht? Für Karyn und für uns selbst. Liebe Freunde Bester, wir wünschen Dir alles Gute, wohin Deine Wege Dich auch immer führen wollen Selann, Shadow, Alice, Ni'Kar, Morden, Nimrod, Aragorn, Aldous, Callisto, Maja, Maverick, P17, Zooty und Ranger Eins |
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